4 Tage all-in Skitouring

OMG! Ich fahre am Sarner See entlang und die Menschen sind am Schwimmen und auf den SUPs. Am Hauptbahnhof in Zürich komme ich mir vor wie ein Husky am Strand von Rimini. Es läuft hier grad einer rum in der Bahnhofs Unterführung und fühle mit ihm, wie ich so in meiner Skiunterwäsche, mit der ganzen Ausrüstung bepackt, zur S-Bahn marschiere. Es ist Sommer geworden dieses Wochenende.

Die letzten vier Tage haben sich angesichts der beeindruckenden Schneemassen die in einer Höhe über 2000 m.ü.M noch liegen einigermassen winterlich, bestenfalls frühlingshaft, angefühlt. Doch inzwischen ist die Nullgrad Grenze gegen die 4000er Marke geklettert. Eine unheilvolle Kombination.

Seit Wochen freuen wir uns auf die Tour und schmieden eifrig Pläne. Der Plan umfasst eine viertägige Skidurchquerung des Berner Oberlands. Gemessen an unserem Können ist die Tour gut machbar und fordernd zugleich. Es stehen Grate mit anregenden Kletterstellen und spannende Couloirs und steile Flanken auf dem Programm. Also Skibergsteigen vom Feinsten. Getreu meinem Motto: „Was mit Ski geht, musst Du mit Ski machen“.

Am Donnerstag Morgen treffe ich Philipp in Grindelwald an der Bahn. Die Kaltfront hat sich erst vor wenigen Stunden verzogen. Die Neuschnee Mengen sind im Jungfrau Gebiet bescheiden ausgefallen. Somit erwarten uns ideale Verhältnisse.

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Hach, wiedermal aufs Jungfraujoch! Skiverlad auf der Kleinen Scheidegg

Die Bahn dort hinauf begeistert mich immer wieder – trotz Touristenmassen, horrender Preise und bescheidenem Service oben in den Restaurants. Ein imposantes Bauwerk und Symbol bzw. Meilenstein in der touristischen Erschliessung der höchsten alpinen Gefilde.

Das bevorstehende Skitouren Abenteuer soll uns im Gegensatz dazu in die abgelegensten Gegenden der Schweiz führen: Oberaar- und Gauli. Hier gibt es keinen Mobile Empfang und die nächste Talschaft liegt eine Tagestour entfernt.

Doch als erstes wird uns eine Zwangskaffeepause verordnet, da der Neuschnee noch den Stollenausgang auf den Gletscher versperrt. Immerhin Kaffee mit Aussicht und Zeitdruck haben wir heute keinen. Unser Plan ist erst eine gemütliche Gletscherabfahrt zum Konkordiaplatz. Anschliessend zur Grünhornlücke anfellen und nach einem kurzen Abstecher über den Wyss Nollen, zur modernen Finsteraarhornhütte zu gelangen. Der Wyss Nollen geniesst eher den Ruf einer Ausweichtour bei Schlechtwetter.

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Anstieg zur Grünhornlücke. Ein imposanter Grat führt auf den Gipfel des Wyss Nollen (Bildmitte)

Als wir uns von der Grünhornlücke an den Anstieg zum Wyss Nollen machen, bemerken wir rasch, dass dieses Unterfangen wohl herausfordernder wird als wir uns vorgestellt haben. Es ist steil und es liegt mehr Schnee als erwartet. Schon bald erreichen wir eine erste Felsstufe und eiern rum, ob jetzt Steigeisen angebracht seien oder nicht. Danach die Ski wieder an die Füsse oder nicht. Philipp stapft voraus und spurt dem Grat entgegen. Ich folge und übernehme das Vorausgehen am Grad. In der Zwischenzeit hab ich die Steigeisen dran und die Ski hinten am Rucksack. Ich fühle mich mental gut und sicher, doch irgendwie ist die ganze Wühlerei im Neuschnee auf dem Grat ‚psycho‘. Schliesslich stehe ich an einer Felsstufe 20 Meter unter dem Gipfel an. Ende der Fahnenstange. Philipp übernimmt wieder und entpannt mich mental. Nun sehe ich, wo ich meine Füsse hinstellen und wo ich mich festhalten kann.

Als wir die überwältigende Aussicht am Gipfel geniessen, stellen wir fest, dass die Zeit bereits fortgeschritten ist. Wir haben völlig vergessen zu trinken und zu essen. Nun aber schnell runter zur Hütte! Auf dieser Seite des Wyss Nollen erwartet uns eine wunderschöne, unverspurte und perfekte Firn-Abfahrt. Während einem kurzen Stop, bei dem wir die phantastische Umgebung auf uns wirken lassen, werfen wir einen Blick hinüber zur „Gemschlicke“. Dort wollen wir morgen früh als Erstes hin. Wir befinden das Couloir, welches dort hinauf führt, als beeindruckend steil. Naja, wird schon passen.

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In der Finsteraarhornhütte sind wir nicht allein – schaut aus wie im Sportgeschäft.

Bildschirmfoto 2019-06-02 um 18.06.14Am nächsten Morgen (Freitag, Tag 2) brechen wir früh auf. Nach einer kurzen Abfahrt auf dem hart gefrorenen Gletscher, erreichen wir die Stelle von der aus wir das Couloir zur Gemschlicke erreichen wollen. Wir binden die Ski auf den Rucksack und stapfen auf Steigeisen höher. Zum Glück können wir nach etwa 50 Höhenmetern, gleich wieder in den Ski-Modus wechseln. Die Ski drücken irgendwie schon schwer auf dem Rücken. Unten am schattigen und durchgefrorenen Couloir angelangt, ist wiederum Ski tragen angesagt. Von Nahem, ist es tatsächlich weniger steil als vermutet.

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Die Stapferei im Kühlen Morgen vor der Kulisse des Gross Wannenhorn macht Spass.
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Oben angekommen erblicken wir auf der anderen Seite einen der wohl schönsten Flecken auf dieser Erde! In der Bildmitte das Oberaarhorn.

Eine unberührte, weite, ebenmässige Gletscherarena strahlt hier im Morgenlicht. Umrahmt mit den schönsten Gipfeln! Das Herz voller Freude ziehen wir unsere Schwünge in den noch gefrorenen Schnee und gelangen hinunter in die makellos weisse Ebene.

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Als Gipfelziel haben wir heute das Studerhorn ausgesucht: rechts über die Schneerampe hoch, links wieder runter. Eine Überschreitung – wenn schon, dann mit Stil.

Der Aufstieg über die Ostseite ist interessant und führt via ein Minicouloir auf eine steile und sonnenbeschienene Schneefläche. Im Couloir wieder Wühlerei im Schnee („Wühlfreude“). Nach einem kurzen Stück übernimmt Philipp. Ich spure weiter oben wieder mit den Ski. Am Ostgrat angelangt, verlangt uns der Berg erneut eine kleine Klettereinlage ab. Nicht schwierig, aber wir benötigen mehr Zeit als geplant. Der Gipfel ist wahrlich prächtig. Zur Nordseite hin fällt er schroff zum Lauteraargletscher ab. Rundherum die Berner 4000er- Prominenz und ein atemberaubendes Panorama. Doch ein Gipfel zieht uns besonders in seinen Bann: Es ist das Oberaarhorn mit seinem schier unendlich langen und schneebedeckten Südgrat. Ansonsten steil abfallend. Ein echt schöner Gipfel. Im Nachgang stellen wir fest, dass jeder von uns mindestens fünf Fotos von diesem Einen Berg gemacht hat.

Wir entscheiden uns für die Abfahrt auf der Westseite des Studerhorn. Weil es so schön aussieht und weil es einfach sein soll. Doch Ohweh: Bruchharst! Stürzen verboten, weil unten am Hang Felsen abfallen. Auf der Ostseite hätten wir angenehmen Firn gehabt! Obendrein ist auch noch abklettern angesagt. Eine 5 Meter Stufe nur, doch mit einem giftigen Tritt der für meine kurze Grösse etwas zu weit unten ist. Wieder hilft mir Philipp den guten Stand mit den Skischuhen zu finden.

Weiter gehts zum Oberaarjoch. Dort erwartet uns garstiger Gegenwind als wir die Felle montieren. Gleich danach wartet es eine eher schon gut besonnte Südflanke. Ich gehe voraus, der Schnee ist nicht sonderlich tief. Obwohl es von den Bedingungen her objektiv gut passt, bin ich total nervös. Es ist Mittag und eine Pause würde uns beiden gut tun. Wir fahren via das Scheuchzerjoch ab.

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Trotz aufkommender Müdigkeit, geniessen wir eine wahre Traum-Abfahrt in perfektem Sulz, 900 Höhenmeter unverspurt hinunter zum Lauteraargletscher.

Unten angelangt, scheint die Hütte gar nah. Dies entpuppt sich jedoch als Täuschung.

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Wir beissen uns erst weglos, dann über einen blauweiss Wanderweg und 200 Höhenmeter wieder auf Fellen zur Hütte durch.

Die Stimmung ist nicht gerade auf dem Höhepunkt, als auch noch der Holzofen in der (unbewarteten) Hütte spuckt. Zum Glück ist Wasser vorhanden. Und auch einige Leckereien, die der Hüttenwart für uns da gelassen hat. Schliesslich klappt es auch mit dem Feuer, der Suppe und der Pasta.

Tag 3: Nach einer kurzen Nacht, machen wir uns erneut an den Anstieg. Der Schnee hat während der sternenklaren Nacht gut gefrieren können. Schon bald erreichen wir eine steile Rampe, die uns an den Fuss der Rothorenwand hinauf führt. Der Anstieg ist schweisstreibend und schliesslich müssen wir doch noch für wenige Meter die Ski tragen. Zu steil ist es für die Felle. Der Schnee ist bereits erschreckend durchweicht hier oben. Das liegt an der Ausrichtung des Hanges und wohl auch an den Felsblöcken ringsum die Wärme abstrahlen.

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Philipp unter der Rothorenwand.

Unsere Tour führt uns über abschüssige Hänge weiter in Richtung Hubeljoch. Hier muss jeder Schritt sitzen und höchste Konzentration ist gefragt. Das Gelände ist tatsächlich so abschüssig wie im Führer beschrieben. Ich finde es wiedermal „psycho“. Wir machen uns zudem Sorgen wie wir über das verwächtete Joch gelangen sollen, dass wir in der Ferne erblicken.

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Als wir in den gelben Felsen beim Joch Leitern erblicken atmen wir auf.

Die nächsten Meter über eine schneebedeckte Fläche sind ein Genuss. Doch kurz vor der Leiter wird der Schnee dermassen nass und tief, dass wir bis zum Bauch darin versinken. Wieder einmal ist Wühlen angesagt und auch beim Ausstieg oberhalb der Leitern sind die Verhältnisse übel. Beide sind wir gestresst und nervös. Doch die Stimmung bessert rasch wieder als wir auf dem Gipfel des Hubelhorn stehen und wiederum eine prächtige, unverspurte Abfahrt vor uns haben. Leider sind die Verhältnisse extrem warm und wir müssen uns vorsehen um sicher zur Hütte zu gelangen.

Die Hüttenwartin hat eine 4-Personen-Rösti für uns dagelassen. Diese teilen wir mit unserem neuen Bekannten, dem Rolä. Es gibt Wasser, Strom, Holz und eine funktionierenden Herd. So macht Winterraum Spass. Wider Erwarten sind wir heute nicht ganz alleine. Doch mit Rolä und vier anderen Bergsteigern aus Frankreich, kann man sich prima unterhalten. Um 20 Uhr gehts ins Bett. Morgen wollen wir früher raus um nicht wieder ein Problem mit der Wärme und dem aufgeweichten Schnee zu erhalten. Zudem schrauben wir unser Tourenziel zurück: Statt des 3688 Meter hohen Rosenhorns (mit Blockgrat womöglich wieder zum Wühlen, statt zum Klettern) wählen wir das Ränfenhorn 3255 m.ü.M.

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Tag 4: Um 04:15 starten wir von der Gauli Hütte. Es ist zu warm. Die Schneedecke trägt nur knapp. Wir montieren trotzdem die Harscheisen an der Bindung. Mit zunehmender Höhe wird die Scheedecke härter. Ein wunderschöner Sonnenaufgang erhellt Finsteraar-/Lauteraar-/Schreckhorn und Minuten später die weniger hohen Gipfel hier im Gauli. Wir können uns kaum satt sehen und müssen Acht geben, um nicht zu viel Zeit mit fotografieren zu vertrödeln.

Jetzt steht eine kurze Abfahrt auf den Gletscher bevor. Wir lassen die Felle gleich drauf. So passieren wir das Denkmal, welches an den Absturz einer amerikanischen Dakota kurz nach dem 2. Weltkrieg erinnert. Dies gilt als Geburtsstunde der alpinen Flugrettung und ist ein spannendes Thema für sich. Das Gauli jedenfalls ist einen Besuch wert – egal ob mit den Ski oder als Wanderung.

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Auf dem Gletscher pfeifft uns übler Wind um die Ohren. Ich bin happy, dass ich voraus darf und Philipp ist happy, dass er schlaftrunken hinterher laufen kann. Trotzdem lege ich jetzt, wegen der hier herrschenden Kälte und Gletscherwinds, einen Zahn zu. Das Gelände ist einfach, leicht ansteigend und wir kommen rasch voran. Auf knapp 3000 Meter machen wir endlich einmal eine wohlverdiente Pause ein. Der Gipfel ist nicht mehr weit und der Aufstieg nicht schwierig. Als wir so da sitzen und unser Sandwich essen*, entdecken wir weiter unten zwei weitere Tourengeher. Wir wundern uns wo die herkommen und beschliessen, dass sich die französische Bergsteigergruppe wohl aufgeteilt hat.

Als wir unseren Aufstieg fortsetzen und Rolä entdecken, freuen wir uns und winken ihm zu. Er winkt zurück und gemeinsam erreichen wir um 09:00 Uhr den Gipfel.

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Man sieht bis zum Pilatus!

Der Rosenlaui Gletscher ist gut eingeschneit.Spalten bilden hier keine Gefahr. Bis weit nach unten ist die Schneedecke durch und durch fest gefroren. Da wir alle drei etwa das selbe Tempo haben, fahren wir gemeinsam ab.

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Rosenhorn (l), Mittelhorn, Wetterhorn (r) und davor unser private Skipiste.

Als wir bereits unten am Dossenhüttenweg sind, entdecken wir zwei beeindruckend gute Skifahrer, die sich uns rasch nähern und mit einem „Servus“ und einem Grinsen überholen. Die beiden sind heute um 04:00 h ab der Lauteraarhütte gestartet und sind sackstark unterwegs! Nach einem kurzen Fussabstieg auf dem Wanderweg, erreichen wir die Postauto Haltestelle am Rosenlaui Gletscher. Service Public ist einfach eine gute Sache. 🙂

Weitere Bilder gibts auf gipfelgeil.ch der Website von Philipp

*Brot ist nicht hart, kein Brot ist hart

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Kategorien Outdoors

5 Kommentare zu „4 Tage all-in Skitouring

  1. Sehr eindrücklichiche beschreibung, conny. Vielen dank!

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  2. Wow Coni, das ist eine grandiose Tour! Du hast das so lebhaft und packend beschrieben, dass man als Leser das Gefühl hatte, live dabei zu sein … und das ganz bequem zu Hause und ohne Strapazen. Haha.
    Danke für den coooolen Artikel!!!

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    1. Hey Georg, Berg und Tal macht was ähnliches, etwas weniger schwer. Das wär was für dich. Ist ein richtiges Abenteuer…

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