Der Urs und ich

Der Wahnsinnssommer hat sich in einen goldenen Herbst verwandelt. Das Wetter hält und ist immer noch phantastisch. Meiner unbändigen Lust auf Berg entwachsen laufend neue Ideen für Unternehmungen. Dabei wäre Erholung angesagt: Den Lauf um den Brienzersee möchte ich nicht mit müdem Körper antreten. Wie mühsam das ist, weiss ich spätestens seit der Kombination aus Eiger Integral und dem Halbmarathon am Greifensee: Bauchweh und Beine, die sich anfühlen als wären sie am Boden angeleimt (jammer, jammer, heul, heul).

Für die Überschreitung des Uri Rotstock URS sind ungefähr neun Stunden veranschlagt. Mit 1500 Höhenmetern und einer einfachen Kletterei im II. Grad ist die Tour weder extrem lange noch zu schwer für eine Solo-Geschichte. Die geht noch rein vor dem Rennen. So führt mich meine Fahrt frühmorgens ins „Subaru-Land“.

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Wer hat den schönsten?

Zuhinterst im Kleintal, einem Seitental des abgeschiedenen Isenthal, bezahle ich den speziellen Wegzoll an einen Baumstamm und lasse das „Coni-Mobil“ bei der Seilbahn stehen. Lass‘ das Abenteuer beginnen 🙂

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Zu meiner Freude ist die Bahn noch in Betrieb…

An der Bergstation werde ich vom Chläus mit einem breiten Grinsen begrüsst. Er sperrt heute sein Bergrestaurant „Musenalp“ für den Winter zu.

Es ist vor Acht Uhr. Unten im Tal macht sich der Nebel breit.

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Der Biswind drückt die Schwaden in die Bergtäler. Doch hier oben kündigt sich hinter dem Grat die Sonne an. Es ist ein klarer, kühler Herbstmorgen.

Oben am Grat verlasse ich den markierten Weg. Der spannende Teil der Tour beginnt. Wenig später gönne ich mir auf dem Chli Schlieren eine kleine Pause und melde mich bei Philipp. Er macht Back up für mich, damit ich nicht verloren gehe.

Weisse, reine, frisch verschneite Gletscher kommen in Sicht.

Ein morsches Seil ‚ziert‘ den weiteren Routenverlauf über eine furchtbar brüchige, kleine, fiese Stufe aus Gras, Dreck und Schiefer. Dahinter geht es eine steile Flanke mit Moos und Gras, felsdurchsetzt, in Richtung Gross Schlieren. Die Linie ist zwar stilvoll und die Aussicht grandios, das Gelände jedoch ist übel. Kaum ein Stein hält solide im Untergrund. Ein Griff und er ist raus. Jetzt ist mir auch klar, weshalb die im Tourenführer beschriebene Route erst weiter oben über ein Seitencouloir auf den Grat trifft.

Ich umgehe einen grossen Felsturm und steige höher, zurück hinauf auf den Grat. Dort überklettere ich einige scharfkanntige Felsen und geniesse die Aussicht. Ein weiteres Mal gilt es in die Flanke mit Gras und Schotter auszuweichen. Ich bemühe mich mit grösster Sorgfalt, keine Steine loszutreten.

Wunderbare Aussicht: Je höher, desto schöner.

Nun kommen die blauen Markierungen des eigentlichen Schlierengrates in Sicht. Der Fels wird etwas besser, das heisst solider. Einzelne Schneefelder können umgangen werden, ohne dass ich mir kalte Hände hole. Es wird anstrengender, die Umgebung hochalpin, mein Puls geht höher und mir ist schön warm. Flow.

Immer höher, wandern mit Felskontakt: Die Kletterei ist anregend und bezaubernd.

Vor dem Mittag erreiche ich den Gipfel des Gross Schlieren. Ich schaue zum Uri Rotstock hinüber. Ich nehme die noch zu bewältigende Distanz, den vielen Schnee und die Steilheit des Geländes zur Kenntnis. Aufkeimende Zweifel mache ich mit einem innerlichen Lachen nieder.

Der Weg zum URS scheint noch weit und der Winter hat bereits ordentlich Spuren hinterlassen.

Schaut nicht so easy-peasy aus. Doch erst wenn man es versucht hat, weiss man wie es tatsächlich ist. Da ich gut in Form und in der Zeit bin, werde einfach mal schauen gehn. Meine „Körner“ würden problemlos für eine sichere Umkehr reichen.

Da hinauf? Ich werd‘ mal schauen gehen.

Die Tour wird immer besser. Der Abstieg vom Gross Schlieren führt über eigenartig geformte Felsterrassen in ein kaltes, mit Schnee gefülltes Couloir und durch dieses zurück an die Sonne. Immer den blauen Strichen entlang. Eine kuriose Felsformation, das Schlüsselloch, zieht mich in ihren Bann.

Zu meiner Entzückung führt die Kletterei dort hindurch…

… und über ein abenteuerliches Felsband zurück auf den Grat. Der Schlusshang wartet mit einer ordentilichen Portion Schnee auf. Steinschlägig sei es hier.

Nun ja, dieses Problem hat Frau Holle für dieses Jahr gelöst. Dafür darf ich anspuren.

Wie mein Herz jubelt! Gleichzeitig wünsche ich mir meinen Pickel herbei. So improvisiere ich eben mit einem eingefahrenen Teleskop-Wanderstock, das ist okay. Die Steigeisen bleiben im Rucksack, denn der Trittschnee der hier liegt ist ideal. Das Gelände entspricht mir, hier fühl‘ ich mich zu Hause!

So powere ich zu guter Letzt den Schnee hoch und erreiche rasch den sonnigen Gipfel.

Happy. Ob auf Ski oder allen Vieren – schön hier zu sein. Der URS ist ein Prachtskerl.

Der Abstieg „is a gmohte Wiesn“ wie der Bayer(l) sagen würde: Blauweiss mit ambitionierten Zeitangaben. Besonders spassig ist das kleine Schneefeld, auf dem es sich prima abrutschen lässt. Jetzt freue ich mich richtig auf die kommende Skitouren Saison!

IMG_0486Sobald ich wieder auf der Musenalp bin, melde ich mich wie vereinbart bei Philipp. Danke fürs Aufpassen.

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