Eiger Integral – ganz oben drüber

Nach zwei weiteren wunderschönen Hochtouren vorne am Seil, fühle ich mich ganz – und ganz bei mir. Irgendwie war mir die Erfüllung, durch das Sein und Klettern in den Bergen zeitweilen abhanden gekommen. Gedanken an eine Unterhaltung zwischen meiner Bergführer Freundin, der Alpinmaus, und mir blitzen auf. Es ging um den Mittellegigrat am Eiger: „Ja schon“, meinte Andrea, „aber dann integral.“ Damals hat mich diese Idee eher kalt gelassen. Doch jetzt wäre ich mental und physisch bereit für diese Unternehmung. Sie ist grad viel unterwegs – ob sie wohl Zeit hat?

Der Mittellegigrat zieht von Grindelwald im Nordosten, unendlich lange den Eiger hinauf. Die meisten Bergsteiger, fahren mit der Jungfraubahn zur Station Eismeer. Von dort passieren sie ein Stück Gletscher, vorbei an einem (meist nicht wankelmütigen) Sérac und danach über brüchige Felsbänder zur Mittellegi Hütte. Ein wenig prickelnder Zustieg zur herrlich luftig gelegenen Unterkunft. „Integral“ bedeutet, dass man den Grat von ganz unten, bzw. von der Ostegg Hütte aus, begeht. Stilvoll ist dabei auch, dass man den Berg überschreitet.

Unsere Route
Unsere Tour von der Ostegg über den Miettellegigrat zum Gipfel und über die Eigerjöcher zum Jungfraujoch.

Die schönste Linie, wäre natürlich der Abstieg über die Westflanke. Dies auch, weil man damit weniger Bahnunterstützung in Anspruch nehmen würde. Doch ist der Fels dort derart brüchig, dass die Begehung weniger vergnüglich wäre, als über die Eigerjöcher. Dort gibt es nach dem Eiger-Kalk, quasi als Dessert, noch harten, roten Gneis: Solide und wunderschön zu klettern.

Andrea und ich brechen am Montag Mittag in Richtung Ostegg Hütte auf. Nach einer kurzen Wanderung, bei der wir den Eiger und seine Nordwand eingehend bestaunen können, kraxeln wir den Kletterteig, der als Hüttenzustieg dient, hinauf und erreichen die Ostegg Hütte.

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Interessanter Zustieg zur Ostegg: Eine Schneebrücke und die Eigernordwand. Was für ein Berg!

Wir sind ganz alleine an diesem herrlichen, idyllischen Plätzchen. Während Andrea den weiteren Routenverlauf auskundschaftet, darf ich meinen absoluten Lieblingsjob machen: Feuer.

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Das Ostegg-Hüttlein und im Hintergrund der morgige Start der Tour (Foto Andrea Lorenz)

Nach ihrer Rückkehr ist es gemütlich warm in der Hütte. Als wir uns nach einem ausgiebigen Abendschmaus schliesslich zufrieden unter die dicken Wolldecken verziehen, ist es bereits spät.

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Blick zur Grossen Scheidegg (von links), das Wetterhorn, im Vordergrund der Mättenberg, Klein Schreckhorn und dann das Schreckhorn in der Abendsonne. Ich kann mich kaum satt sehen.

Friedlich leuchten nachts die Lichter von Grindelwald unten im Tal und am Firnament glitzern Millionen von Sterne. Als wir uns frühmorgens, noch vor Tagesanbruch aufmachen, sind einige Wolken aufgezogen. Das Warm-up heute Morgen führt uns über loses Geröll höher (ist auf dem oberen Foto hinter der Hütte deutlich zu erkennen). Gelegentlich überklettern wir kleinere Felsstufen. Brüchig wie nur etwas! Zum Glück sind wir alleine unterwegs. Denn auch bei grösster Vorsicht, treten wir gelegentlich einen Brocken los. Und nun weiss auch ich was „abwärts geschichtete Felsen“ sind, wie es lapidar im Tourenbeschrieb heisst. Nachdem die Sonne aufgegangen ist, erreichen wir den Grat.

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Ein wolkenverhagener Morgen in wilder Umgebung. Blick vom Grat nach Süden.

Was für eine herrlich wilde Gegend wir doch gerade durchklettern! Ein kurzer Regenguss tut der guten Laune wenig Abbruch. Zum Glück werden die Felsen nicht allzu nass. Wir bleiben nun immer auf oder nahe am Grat. Bis wir zu einem Höhle gelangen.

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Wir schlüpfen durch das Loch auf die andere Seite. Ich wundere mich,…
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… denn irgendwie habe ich mir eine Gratkletterei anders vorgestellt. Weniger dreckig. Foto Andrea Lorenz

Die Tour wird immer abenteuerlicher. An manchen Stellen lässt der Grat es zu, dass man ganz oben drauf geht. Diese Art Fortbewegung, luftig, ausgesetzt und bei voller Konzentration, fühlt sich grossartig und erhaben an. All das in dieser urtümlichen alpinen Landschaft hoch oben über dem Tal und den Gletschern. Ich kann es und ich verspüre nicht den Hauch von Unsicherheit. Das ist Flow – ein Traum – jenseits von Raum und Zeit. Bald schon klettern hinunter in den „Hick“.

Nahrungsaufnahme ist angesagt. Zudem ist es von Vorteil, wenn der Rucksack noch etwas leichter wird. Vor der nun folgenden Stelle habe ich Bammel. Für meine Verhältnisse ist es eine anspruchsvolle Kletterei. So schwierig, wie ich sie noch nie mit den Bergschuhen geklettert bin. Mental bin ich parat und Dank der Zuversicht und Sicherheit, die Andrea ausstrahlt, bin ich nie auf den Gedanken gekommen, dass ich es nicht schaffen könnte. Ganz nach meinem eigenen Credo: „Es gibt immer eine Lösung.“ Tatsächlich folgen drei kraftraubende, Seillängen (V).

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Ich bin happy, nicht im Vorstieg zu sein. Foto Andrea Lorenz

Andrea steigt vor und ich hinterher. Dabei räume ich unser Klettermaterial, die Karabiner und Express, wieder ab. Zum Glück gibt es einige feste Bohrhaken. Einmal stehe ich ausgestreckt und unbequem da, während ich mit einer Hand an einem Karabiner herumfummle. Als es von oben ruft „etz isch dä Huär au no zue!“, kann ich mich vor Lachen im wahrsten Sinn kaum halten. Erst später, als wir bereits oben bei der Mittellegi Hütte sind, begreife ich, was uns da gelungen ist.

Conisophie der Woche: „Du weisst nicht was Du kannst, wenn Du es nicht versuchst.“

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Umwerfendes Panorama vom Bänkli vor der Hütte: rechts der Eiger mit dem Mittellegi Grat

Offiziell ist die Hütte bereits geschlossen und wir werden uns mit der Biwak-Tonne begnügen müssen. Sie ist sauber und bietet Platz für acht Personen, verfügt über ein Gas-Rechaud, eine Pfanne und keine Heizung. Ist auch egal. Wir kochen Suppe und Tee und führen uns die warmen Flüssigkeiten genüsslich zu, während wir auf dem Bänklein vor der Hütte in der Sonne „chillen“. Später kommen noch Bänz und Carmen und von der letzten Bahn, Bergführer Manfred und Marco dazu. Manfred hat den Schlüssel zur Hütte und lädt uns ein, dort zu nächtigen. Begeistert reisse ich mich sofort um den Job zum Feuer machen. Als mich Marco neckt, ich könne auch gerade noch den Abwasch übernehmen, stimme ich gleichmütig zu. Denn obwohl der Tag schon perfekt ist, steigert sich mein Wohlbefinden mit der Ausicht auf einen Abend am warmen Ofen ungemein.

Am nächsten Morgen können wir so richtig ausschlafen. Wir starten bei Sonnenaufgang. Dieser präsentiert sich heute in einer intensiven, unwiderstehlichen Magie – einer berauschenden Schönheit an kräftig bunten Farben. Es ist schlicht zum Heulen! Das ist es.

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Links: Wetterhorn – Mittelhorn – Rosenhorn, dann die hohen Schreck-/Lauteraarhorn. Rechs von der Mitte das Finsteraarhorn und die Fiescherhörner.

Gleich nach der Hütte gehen wir wieder zu oberst auf dem Grat. Andrea fragt kurz nach, ob ich wach sei. Nach einiger Zeit erreichen wir eine Felsstufe mit einem ersten Fixseil.

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Mönch und Ischmeer im Morgenlicht

Hier schliessen Manfred und Marco zu uns auf. Achtung, Achtung! Manfred gibt eine kleine Kletter-Poser-Wasauchimmer-Lektion und zeigt vor, wie man diesen Absatz ohne Benutzung des installierten Taus erklimmt. Diese Pause ist mir ein bisschen zu lange. Als es dann weiter geht, schleicht sich unerbittlich Kälte in meinen Körper. Obwohl ich hoffe, durch das Gehangel an den folgenden Fixseilen wieder warm zu werden, ziehe ich mir eine weitere Jacke und die dicken Fäustlinge an.

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Steil ist geil – der Mittellegigrat – Foto vom Bergführer Manfred.

Hier ist also nun die Mittellegi-Mode-Tour. Das Klettern unter Zuhilfenahme der dicken Taue, dünkt mich beinahe anstrengender als normal zu klettern. Dafür können die Steigeisen im Rucksack bleiben. Die Zeit fliegt nur so dahin. Bald schon neigt sich der Grat zurück. Von der Nordwand her türmt sich hoch der Schnee. Sonne, Wind und Kälte haben einen harten, eisigen Wall geformt. Neugierig versuchen wir einen Blick hinunter in die Wand zu erhaschen. Kein Terrain für mich: zu lange, zu kalt und zu schwer. Hier oben an der Sonne gefällt es mir! Kurze Zeit später stehen wir auf dem Eiger Gipfel!

Für den Abstieg haben wir auch die Variante über Westflanke noch einmal begutachtet. Nebst objektiven Kriterien, wie Graupel und Reif die dort liegen und die zweifelhafte Qualität des Fels, kommt nun hinzu, dass die Flanke noch im Schatten liegt. Dadurch sieht sie ziemlich abweisend aus. So fällt Andrea die Entscheidung für den Abstieg über die Eigerjöcher zum Jungfraujoch leicht.

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Interessanter Fels: Kalk mit Quarzeinschlüssen.

Dieser gestaltet sich abwechslungsreich und effizient. Ein guter Teil ist Gehgelände. Dazwischen gibt einfache Kletterstellen und dann wieder ein Abseil-Highlight. Andrea lässt mich mit dem Seil herunter und folgt selbst geschickt nach. Nach einer guten Stunde stehen wir am ersten Eigerjoch.

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Unser Weiterweg in Richung Mönch. Foto Andrea Lorenz

Wie eingangs beschreiben, wechselt hier tatsächlich der Fels von grauem Kalkstein zu rostrotem Gneis. Spannend. Doch bevor die Bergsteiger im schönem Fels klettern dürfen, gibt es einen Eingangstest:

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Alpinmäuse kommen problemlos durch.
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Klettern in der Sonne im festen Fels: Herz was willst Du mehr? Foto Andrea Lorenz

Zum Schluss ist ein Gletscher-Trekking angesagt. Andrea hat mich bereits durchschaut: Gegen Ende einer Tour neige ich dazu, herumzutrödeln: Zum Beispiel Blümchen und Pilze anzuschauen. In diesem Fall hätte ich wohl irgendein Eisgebilde gefunden. Aber nix da! Wie zwei Kamele im Vollgalopp den Firn runter. Wir haben Spass – fahren quasi Ski ohne Ski. In ungefähr zwei Monaten ist wieder es wieder soweit (hehe 🙂 ).

Am Mönchsjoch kommen Manfred und Marco gerade aus der Hütte. Ob Sie Hans Kammerlanders Spruch: „Jeder Gipfel ist in Wirklichkeit nur ein Umweg zur nächsten Kneipe.“ folgen? Gemeinsam marschieren wir vergnügt plaudernd zum Jungfraujoch.

Die Miettelegi Integegral Tour ist der Wahnsinn! Andrea, ich danke Dir von Herzen.

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Kategorien Bergsteigen, Outdoors

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