Glück heisst die Währung.

Wieviel Wert ist eine Tour? Was für eine seltsame Frage. Wir leben im Zeitalter der Ambitionen. Schneller, weiter und höher ist das Credo. Doch auch als feurige Befürworterin des Auslotens und Ausweitens persönlicher Grenzen, ist mir ein genussvolles Erlebnis ganz wichtig. Ebenso das nachhaltig gute Gefühl (eine Mischung aus Erfüllung, Dankbarkeit und Glück), welches ich am liebsten mit der ganzen Welt teile.

Der Wert einer Tour entsteht bei der Begeherin, beim Begeher. Die Währung heisst Glück. In diesem Sinne…

… Ein wundervoller Sommer liegt hinter uns. Mein Mountain-Bro ist nach seiner Verletzung wieder hergestellt und strotzt vor Tatendrang. Voller Ideen und grosser Lust auf Berg, sehnen wir ein einigermassen stabiles Schönwetterfenster herbei. Obschon sich ein erneuter Wetterwechsel abzeichnet, wollen wir nun nicht länger warten (es ist bereits unser 3. Versuch). Denn wer nicht rausgeht, macht auch keine Tour. So reisen wir zum Grimselpass und nehmen den kurzen, wunderschönen Weg durchs Bächlital zur gleichnamigen Hütte unter die Bergschuhe.

fullsizeoutput_1416Der Weg verläuft über eine phantastisch angelegte Treppe hinauf. Vorbei an herbstlich bunten Heidelbeerstauden, Erika, Enziane und allerlei seltener, bunter Pflanzen. Noch am gleichen Nachmittag klettern wir mehrere Seillängen in feinstem Granit bei Sonnenschein. Der Fels wärmt die Finger und das Herz. Es ist viel zu lange her.

IMG_0021Beim Abstieg  zurück zur Hütte locken verbotene Früchte (Pflanzenschutzgebiet): Die exklusiven Bächli-Bio-Beeren würden verräterische blaue Spuren Fingern und Zunge hinterlassen. So können die Täter jeweils unzweifelhaft überführt werden.

fullsizeoutput_1417Die Bächlitalhütte ist bei Bergsteigern und Touristen gleichermassen beliebt. Das könnte an dem leckeren Essen liegen. So hat sich ein Bergführer Älplermagronen zum Abendessen gewünscht und er ist von der Hüttencrew erhört worden. (Eine wahre Heldentat!) In der Stube breitet sich allgemeine Zufriedenheit aus und wir Gäste schmausen und schwatzen zufrieden. Die Hüttencrew offeriert emsig Nachschlag bis wirklich alle ganz satt sind. Danach werden Wetterprognosen diskutiert, Routen studiert, letzte Details geplant und in Rucksäcken gekramt.

Um 04:30 ist Frühstück und um 05:00 geht es los. Die Bergführer Aspiranten und ihr Coach, welche die Hütte vor uns verlassen haben, sind innert Kürze in der Nacht verschwunden. Wir wandern durch die Dunkelheit und orientieren uns an den Steinmännchen die sich regelmässig im Schein unserer Stirnlampen zeigen. Gut, dass wir den Weg gut studiert haben, so kommen wir rasch vorwärts. Eine gewisse Effizienz sollten wir heute an den Tag legen, wollen wir den Gipfel des Grossen Diamantstock vor dem Wetterwechsel erreichen. Hoch oben am alten Nachthimmel zeigt sich eine müde Mondsichel und ein paar wenige blasse Sterne. Ganz schwach graut in Osten bereits der Morgen. Über eine steile Geländestufe mit losen Gesteinsbrocken erreichen wir schliesslich eine sandbedeckte Gletscherfläche. Vor mir auf dem Sandboden blitzen immer wieder geheimnisvoll und dunkel, blanke schwarze Eisflecken, Spiegelscherben gleich, im Schein unserer Stirnlampen auf. Ein kleines, magisches Detail, ein Hauch, ein Moment, der mich kurz den Atem anhalten lässt.

IMG_0029Der Sonnenaufgang geht heute irgendwie schnell. Vielleicht sind wir einfach zu sehr beschäftigt unseren Weg zu suchen und nicht herum zu trödeln. Das Gelände hier ist übel: Sand, lose Felsbrocken, sehr steil. Wir wühlen uns in schweisstreibender Arbeit hinauf in die Scharte zum Einstieg. Die Mühen der letzten 30 Minuten sind sofort vergessen, denn hier verheisst prächtiger Traum-Granit Kletter-Glückseligkeit.

IMG_0032Die Sonne wärmt hier bereits die Felsen. Wofür ich sehr dankbar bin. Denn beim Wechsel in den Kletter-Modus bekomme ich taube und erbärmlich kalte Finger. So bleibt mir nichts anderes übrig als mit den Füssen zu klettern. Als ich zu Felsenmeister Philipp in den Stand komme, heule ich ersteinmal ordentlich und bekomme 10 Minuten Aufwärmzeit. Motiviert steige ich die zweite Seillänge vor. Leider wird mir der Routenverlauf nach wenigen Metern unklar – ich mache Stand und lasse Philipp nachkommen. Es stellt sich heraus, dass es ganz easy um die nächste Ecke weiter gegangen wäre. Der Grat ist abwechslungreich und hübsch zu klettern.

Felsenmeister
Foto vom Felsenmeister Philipp

Um 10:00 Uhr machen wir Pause. Wir entdecken die Aspiranten, die bereits den Gipfel erreicht haben. Eine unglaublich starke Leistung! Trotz Daunenjacke, bemerken wir, dass sich kühlere Luft auf uns herabsenkt. Hohe Wolken verdecken die Sonne teilweise. Noch ist das Wetter okay, doch zieht es schneller zu als wir gedacht haben. Wir beschliessen die nächste Abseilstelle zu suchen und im „Alles-im-Griff-Modus“ den Rückzug anzutreten. Die Kletterei, das Handwerk mit Seil und Sicherung und das Panorama sind bis jetzt genussvoll und erfüllend.

Abseil Spass
Abseilspass – Foto von Philipp

Da ich vom Abseilen ohnehin nie genug bekommen kann, habe ich nichts dagegen, es gleich wieder zu praktizieren. Sodann versprechen einzelne Schneefelder ein bisschen Rutsch-Vergnügen. Ansonsten ist das Gelände noch genauso übel und mühsam wie beim Aufstieg. Auch wenn wir jetzt Steinmännchen sehen.

Bevor wir die Hütte erreichen, setzt feiner Landregen ein. Als wir bereits in der Hütte bei Kaffee und Kuchen sitzen, regnet es Bindfäden. Es ist gemütlich und warm bei den herzlichen Gastgebern. Mit etwas Bedauern, reissen wir uns nach dem x-ten Kaffee los, um unseren Heimweg unter die Füsse zu nehmen. Mittlerweile hat es aufgefhört zu regnen. Die Luft ist kühl und klar. Philipp und ich wandern scherzend und froh hinunter ins Tal. Die Schwemmebene „Bächlisboden“ erscheint uns wie ein entrückter Sandstrand auf einem anderen Planeten. Hier wächst sogar Wollgras.

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Was für ein Juwel dieses Tal doch ist.

Weitere Impressionen vom Kletter-Abenteuer auf Philipps Seite

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