S‘ Horu und i – zum 10 Jahre Jubiläum.

„Alle 4000er? Ja dann warst Du auch auf dem Matterhorn?“

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Immer wieder die Aussicht aufs Horu. Hier vom Rothorngrat im Norden (Foto R&P, 2007)

Diese erstaunte Frage, bisweilen mit bewunderndem Unterton, wird noch oft gestellt, wenn es um meine 4000er Sammlung geht. Das beste an diesen Bergsteiger-Erfolgen ist, dass all dies geteilte Erlebnisse sind: Bei jedem einzelnen Gipfel, waren ein oder mehrere „Gspänli“ dabei. Ab und zu, durfte ich ausserdem auf die Unterstützung eines Bergführers oder einer Bergführerin zäheln. – So auch beim Matterhorn vor genau 10 Jahren. Mit von der Partie war ausserdem mein damaliger Lebenspartner Iwo.

Iwo hatte sich bei unserem Kennenlernen bereits dem Sportklettern verschrieben und war zusammen mit seinem Jugendfreund zum Hochtourenkurs auf der Sustlihütte angemeldet: Ihr erklärtes Ziel war die Besteigung des „Horu“. Bei mir stand das Matterhorn damals noch nicht auf der Wunschliste.

Iwo und ich unternahmen Wochenende für Wochenende Berg- oder Skitouren. Als Team am Berg waren wir bald gut eingespielt. Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass Iwos Freund vom Kurs wohl in absehbarer Zeit andere Prioritäten als das Matterhorn haben würde. Und wenn es mir möglich sein sollte, mit meinem Liebsten aufs „Horu“ zu steigen, dann wollte ich dies absolut unbedingt tun. Wir hatten im Jahr davor mit Bergführer Wält von Rock & Powder bereits den Rothorngrat bestigen und er kannte uns in der Zwischenzeit beide gut genug um uns zu begleiten.

üben auf Frontzacken zu gehen
Ich übe auf Frontzacken zu gehen – hier im Zustieg zum Rothorngrat im 2007 (R&P).

Bevor ich jedoch irgend einen Berg besteige, brauche ich eine Art mentalen Zugang. Am besten geht das natürlich, in dem ich „den Berg der Begierde“ ausgiebig betrachte. Beim Matterhorn hatte ich bereits des Öfteren die Gelegenheit dazu, der Berg war mir bisher seltsamerweise egal gewesen.

Bevor es im Sommer 2008 los geht, unternehmen Iwo und ich einige Trainingstouren. Eine der schönsten, ist die Überschreitung des Weissmies‘. Dies ist bis heute eine meiner absoluten Lieblingstouren. Bereits der Zustieg zur Almageller Hütte verläuft abwechslungsreich, den Felsen entlang über eine abenteuerliche Hängebrücke, durch ein Lärchenwäldchen und eine bezaubernde Alpinlandschaft.

Zustieg zur Almageller Hütte
Klarer Fall: Der Berg gehört den Fussgängern. Auf dem Weg zur Allmageller Hütte ist die Aussicht prächtig. Im Hintergrund sieht man die Mischabel – Gruppe: Täschhorn-Dom-Lenzspitze(Südlenz)- Nadelhorn (von Links)

Frühmorgens, noch in der Dunkelheit, machen wir uns an den Aufstieg. Wir folgen im Schein der Stirnlampe den Wegspuren und Steinmännchen, hinauf zum Zwischenbergpass auf über 3200 m.ü.M. Vom Farbenspiel, welches der heutige Sonnenaufgang für uns bereit hält, werde ich nie im Leben genug bekommen. Doch gemütlich ist es hier weniger, denn es bläst ein eisig kalter Wind. Weiter geht’s in einfacher und genussvoller Kletterei über feste Felsblöcke, dem Gipfelgrat entgegen.

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Am Spiel der Farben mit Himmel und Schneegipfeln werde ich mich nie satt sehen können. Sonnenaufgang auf dem Zwischenbergpass.

Jeweils nach Beendigung unserer Eingehtouren, über das Weissmies und das Fletschhorn/Lagginhorn, drängelt Wält zu erfahren wie viel Zeit wir benötigt haben. Er möchte abschätzen, ob wir bereit sind fürs Matterhorn: Oja, wir sind, sowas von.

Wir treffen Wält in Zermatt und gelangen mit Seilbahnunterstützung und zu Fuss eine angetaute Sommerskipiste hinauf, zur Theodulhütte unserem Quartier für die Nacht. Ich verzichte auf eine nähere Beschreibung dieser Unterkunft. Ein Stichwort: „modrig“

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Auf dem Theodulpass: Eine andere Perspektive aufs „Horu“
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Ein prächtiger Sonnenaufgang entschädigt uns für die Nacht in der zweifelhaften Loge.
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Das Matterhorn von Süden – die Umrundung und geplante Überschreitung hat Klasse.

Am zweiten Tag der Tour, wandern wir auf der Südseite des Matterhorns und können uns genüsslich mit dem Berg auseinander setzen. Der Weg zieht sich erstaunlich lange dahin. Nach einer ausgiebigen Rast auf der grünen Wiese, steigen wir schliesslich wieder höher.

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Am Nachmittag packen wir dann doch noch die Ausrüstung aus. Es ist Zeit zum Klettern.
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Die Wolken haben sich verdichtet und verleihen der Szenerie etwas Mystisches. Im Vordergrund der Testa del Lione, dahinter der eeeendlos lange Grat nach Westen zur Dent d’Hérens.

Die folgende Kletterei ist mit den schweren Schuhen etwas tricky. Da jedoch auch italienische Bergführer ihre Gäste hier hoch bringen, ist die Route bestens mit dicken Tauen präpariert. Wält besteht darauf, dass wir ohne diese Klettern. So murrt er, sobald wir sie anfassen wollen 😉  Während wir Klettern, stellen wir uns immer wieder vor, wie wohl die Erstbesteiger mit ihrer dürftigen Ausrüstung hier hoch gekommen sein mögen. Unsere Hochachtung vor dieser Leistung wächst zusehends.

DSC03771 Wir bleiben die Nacht im Rifugio Carrel auf rund 3800 m. ü. M., einer einfachen, einigermassen sauberen und soliden Holzhütte, ohne Bewartung. Wält schmilzt Schnee für uns drei und kundschaftet noch den weiteren Verlauf der Route aus. In der Dunkelheit ist die Wegfindung hier besonders anspruchsvoll. Die Hütte ist nicht voll. Unter anderem warten zwei Bergsteiger aus Osteuropa hier auf bessere Zeiten. Kurz vor dem Eindunkeln treffen weitere italienische Bergsteiger ein. Ich nehme dies nur noch undeutlich wahr, da ich bereits unter einigen schweren Wolldecken schlummere. Die Nacht wird kurz.

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Sonnenaufgang am dritten Tag. Blick nach Norden zum Weisshorn.
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Ach ja die Dent Blanche – was für ein wunderschöner Berg.

Wält führt uns angeseilt durch das Dunkel der Nacht. Es ist enorm finster und ebenso meine Laune. Doch wie immer steigt die Stimmung mit der aufgehenden Sonne. Das Vorwärtskommen gestaltet sich als abwechslungsreiche, phantastische Kletterei, in einigermassen festem Fels. Irgendwann im Laufe des Höhersteigens, sieht man den Zmutt-Grat mit seiner düsteren überhängenden Passage herauf ziehen. Eine beeindruckende Route – deutlich schwieriger als unser Italienergrat (auch Lionsgrat genannt) bzw. der Hörnligrat.

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Wält steigt vor, quert eine kleine Wächte und der Gipfel naht. Es liegt relativ viel Schnee.

Oben beim Pic Tyndall, flacht der Grat ab. Ja – man klettert hier gar wieder einige Meter ab. Die Sonne wärmt bereits angenehm. Nach dem Pic Tyndall kommt der Gipfel in Sicht. Es ist anstrengend hier auf über 4000 m. So sind wir dankbar, wenn unser Bergführer ein Stück vorsteigt und wir dadurch eine kleine Verschnaufpause bekommen. Nach diesem letzten kleinen Firnfeld, geht es im Fels weiter. Wiederum ist hier alles mit Fixseilen präpariert. Hernach dauert es nicht mehr lange und wir stehen am 26. August 2008 auf dem Gipfel des legendären Matterhorns!

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Die Fixseile sind für Bergführer Wält gerade gut genug zum Herumposen.

Wir stärken uns mit einem wackeren Picknick – lecker Bündnerfleisch. (Erstens staune ich, dass wir so viel Futter dabei hatten und zweitens, dass ich es auch 10 Jahre später noch genau weiss!)

Die Überquerung des Gipfelgrates – ganz oben – werde ich niemals vergessen. Es ist ungemein beeindruckend luftig, gerade breit genug um normal zu gehen. Doch ein guter Anteil des Gesichtsfeldes links und rechts aussen, kann sich des Blicks in den gähnenden Abgrund nicht entwehren. Er ist da. Auf beiden Seiten.

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Der luftige Gipfelgrat, Blick zum Schweizer Gipfel und im Hintergrund das Monte Rosa Massiv.

Bald brechen wir zum Abstieg über den Hörnligrat auf. Besonders der obere Teil ist steil und wir lassen uns an den installierten Fixseilen herunter. Dank zusätzlicher Abseilunterstützung von Wält, ist unser Fortkommen geradezu rasant. Erst hier auf dem Hörnligrat kommen uns einige Seilschaften entgegen. Auf einmal wird mir bewusst, dass wir bis zum Gipfel alleine unterwegs gewesen sind. Unglaublich!

Bald schon erreichen wir das Solvay Biwak. Es ist ein ziemlich solides Hüttchen, das vor über 100 Jahren für Notfälle errichtet worden ist (ohne Heli). Dass man diese Notunterkunft nicht im Rahmen einer regulären Besteigung nutzen sollte, etwa um die Hüttenkosten zu sparen oder den Anstieg zu verkürzen, ist Ehrensache.

Ab hier zieht sich der Abstieg in die Länge. Einmal mehr bin ich happy mit Wält unterwegs zu sein, der sich hier auskennt. Die Wegfindung ist hier nicht ganz trivial. Einige „Verhauer“, das sind Hinterlassenschaften von Seilschaften die sich verstiegen haben, könnten einem hier nur gar zu leicht in die Irre führen. Dies ist hier speziell unangenehm, denn der Fels in der Ostwand ist brüchig.

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Nach einer letzten Felsstufe ist es geschafft: wir sind schon fast bei der Hörnlihütte.
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Tired but happy – Iwo und Wält (Wältklasse) auf dem Weg zurück nach Zermatt.

Das Matterhorn ist tatsächlich ein faszinierender epischer Berg. Der Hörnligrat, wie auch der Lionsgrat sind nicht nur beliebte, sondern richtig schöne Touren. Um keinen anderen Berg der Schweiz, ranken so viele Geschichten und Legenden. Dies ist denke ich einer der wenigen wirklichen Superlative, die auf diesen Berg wirklich zutreffen. Es gibt anspruchsvollere, längere, genaus so schöne oder schönere und höhere Berge in unserem Land. Doch einmal im Leben dort oben zu stehen, erfüllt mich auch heute, 10 Jahre später, noch mit Freude, Stolz und Dankbarkeit. Ich lasse es mir nicht nehmen, dem Matterhorn alle paar Jahre wieder einen Besuch abzustatten. Zum Beispiel mit einem Heli-Rundflug.

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Besuch des Horu mit dem Heli. Ein komplett emotionaler, grossartiger Wahnsinn.

Ach ja: Nach der Besteigung des Matterhorns waren Iwo und ich so in Form, dass wir gerade noch den Dom angehängt haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Titelbild des auf Facebook geteilten Beitrags ist am Nordgrat des Weisshorn entstanden. Auch dies eine Führer Tour mit Rock & Powder.

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Kategorien Outdoors

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