Archiv | August, 2018

Berge, Berge, hohe Berge!

15 Aug

Aus den Anfängen meines Bergsteigerlebens:

Obwohl ich im schönen und hügeligen Appenzellerland aufgewachsen bin, ist mir weder das Wandern, noch das Bergsteigen in die Wiege gelegt worden. Einzig auf den Ski war ich Dank meines skifahrenden Papis (ein sportverückter Flachländer), schon sehr früh zu Hause. Ich durchlief die klassische Ovo-Grandprix-Karriere. Als Teenager erlernte ich aus Coolnessgründen das Snowboarden. Nach Zwanzig war mir das Pistenfahren, egal auf wievielen Brettern, zu langweilig. Ich widmete mich mit Leib und Seele dem Gleitschirmfliegen und war dabei alles andere als fit.

Anfang 2004 hat mich meine Freundin Anita auf meine erste Skitour mitgenommen. – Mit der Eiselin Sonntagstruppe. Dabei habe ich festgestellt, dass ich es kann, ich riesen Spass habe und nach jeder der folgenden Touren glücklich und ausgepowert war. Ausserdem war da dieser Bergführer. Beim Skitouren lernte ich damals Beate kennen, begnadet im Umgang mit Menschen, hat sie mir das Sportklettern auf unglaublich motivierende Weise beigebracht. Einmal durfte ich sie auf die Spannorthütte oberhalb von Engelberg begleiten, wo sie zu einer Bergtour verabredet war. Als die Bergsteiger am nächsten Tag zum Gipfel aufgebrochen sind und ich ins Tal abgestiegen bin, reichte meine Neugierde ins Unermessliche. Von oben und von weitem habe ich die Berge schon lange bewundert. Als Gleitschirmfliegerin war ich jahrelang die Täler auf und abgeflogen und konnte das Gelände hinsichtlich thermischer Aktivität gut lesen.

Aussicht Spannorthütte

Aussicht von der Spannorthütte hinunter nach Engelberg und auf die Titlis Ostwand. – Ein kleiner Funke ist übergesprungen.

Der erste 4000er – Die Tour auf den Alphubel<<<<
ahr später, reifte die Idee einen ganz hohen Berg, einen 4000er, mit Ski zu besteigen. Was macht da mehr Sinn, als davor einmal Höhenluft zu schnuppern? So versuchte ich mich im Sommer 2005 einmal an einem "rechten Berg*", einem 4000er. Pure Neugierde trieb mich an. Wo ist die Grenze? Kann ich das? So fuhr ich eines abends ins Saastal, übernachtete hinter einem verlassenen Hotel in meinem Coni-Mobil und traf mich am nächsten Morgen mit der buntgemischten Gruppe, inklusive Bergführer Michi Schwarzl. Mit der Metro Alpin ging es hinauf auf 3400 m. ü. M. nach Mittel Allain, ins Sommerskigebiet. Dort oben war mir ein bisschen schwindelig. Nun sollte ich mich auch noch fortbewegen?

Sobald wir das Skigebiet verlassen hatten und über den Gletscher immer höher stiegen, war ich gefangen und fasziniert von dieser Landschaft aus Eis und Fels. Bald schon kraxelten wir das Feechöpfli hinauf. Diese kleine Felsstufe, beeindruckte mich als Neuling ungemein und ich freute mich, dass die Kletterei vonstatten ging, ohne mir grosse Schwierigkeiten zu bereiten. Ich erinnere mich noch gut an den danach folgenden Aufstieg über die Flanke zum Alphubel: Vor mir am Seil war ein grosser, sportlicher und sehr "zugfähiger" deutscher Gipfelaspirant. Zu Beginn des Anstiegs war ich etwas angepiekst, weil der dermassen stark am Seil gezogen hat. Nach kurzem "in mich gehen" hatte ich mich dann jedoch entschieden nicht zu reklamieren, sondern die kleine Unterstützung anzunehmen. Go with the flow. Hehe. 😉

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o stand ich also aus purer Neugierde auf dem Gipfel des Alphubel, meinem ersten 4000er! Eine durchaus empfehlenswerte Erfahrung. Beim Abstieg über den Fee Gletscher sackten meine Kameraden und ich ein paar Mal mit einem Bein bis zum Gehtnichtmehr ein. Ich machte mir jedoch keinen Kopf. Stattdessen witzelten wir, beflügelt vom Gipfelerlebnis, sorglos herum. Kurze Zeit später landete ich dann prompt in einer Gletscherspalte. Es ging so schnell, dass ich nicht einmal Zeit hatte, vor Schreck den Eispickel und den Stock fallen zu lassen. Rund einen Meter über mir staunte ich über das himmelblaue Loch. Unter mir eine mehrere Meter tiefe, finstere Kluft, links und rechts blankes graues Eis. Mit einem Flaschenzug retteten mich die beiden Bergführer Michi und Kurt aus meiner misslichen Lage. Beim Weitergehen war mir gar nicht mehr nach Blödeln zu mute. Mich verfolgte nun bei jedem Schritt panische Angst, erneut einzubrechen und ich musste mich gehörig zusammen reissen. Nun war es der Bergführer, der Sprüche klopfte. Zur Strafe wurde er wenige Wochen später erneut engagiert.

S Horu im Hintergrund - wär das echt auch noch einer?

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o habe ich eine Ansage fürs Hochtourengehen erhalten. Die panische Angst vor Gletscherspalten hat mich ein paar Jahre lang begleitet und ist in der Zwischenzeit einem gesunden Respekt gewichen.

Bereits einen Monat später kehrte ich mit meinem Gleitschirm-Freund Christoph zurück ins Saastal. Christoph war hungrig nach Bergabenteuern, fit wie ein Turnschuh und zudem verfügte er bereits über einige Erfahrung im Sportklettern. Die Woche davor haben wir die Panorama Route am Jägihorn begangen. Diese Kletterei im mit Flechten bewachsenen Gneis, ist noch heute eine meiner Lieblingstouren. Wir engagierten Berführer Michi für eine Tour aufs Nadelhorn. Von dieser Tour ist mir einerseits der spektakuläre Anstieg zur Mischabel Hütte sowie deren damaliger Hüttenwart in Erinnerung. Die Hütte ist bereits vom Tal aus zusehen. Sie prangt unendlich hoch und scheinbar unereichbar weit oben am Berg. Der Weg wird zum Zustieg. Da nimmt man besser die Hände aus den Hosentaschen und bewegt sich mit deren Hilfe über Felsen kraxelnd fort. Fast ein kleiner Klettersteig mit Drahtseilen – sehr anregend.

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er Hüttenwart zeigte sich mir gegenüber von seiner herb-freundlichen Seite. Allerdings schien er einen derben Sinn für Humor zu haben: So habe er, seinem Bericht zufolge, einem erschöpften Bergsteiger eine Dose, die als Aschenbecher diente und Flüssigkeit enthielt, zum Trinken angeboten. Natürlich hat dieser sofort einen Schluck daraus genommen. Üüüüüble Sache!

Die Hütte verfügte über kein Wasser, gehörte jedoch bereits zur moderneren Sorte. Besonders entzückt hat mich das Lichtspiel des Sonnenuntergangs! Die Ruhe und die Farben in dieser erhabenen Landschaft aus Fels und Schnee, hoch oben auf 3300 m. ü. M.

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tion id="attachment_1008" align="alignnone" width="1698"]Gipelfoto Nadelhorn Am Seil von Michi mit Christoph auf dem Nadelhorns 4327m.[/caption]<

ie Idee einen wirklich hohen Berg, einen 4000er, mit Ski zu besteigen ist anlässlich meines runden Geburtstags im 2006 zum konkreten Plan geworden. Nach dem Alphubel und dem Nadelhorn war mein Schicksal als Ski-Bergsteigerin besiegelt. Ich erinnere mich nicht mehr an meinen Zwanzigsten. Doch zu meinem Dreissigsten sollte es das Finsteraarhorn werden. So meldete mich beim Bergführer Büro Rock and Powder an: coole Bilder, cooles Programm und eine ansprechende Website verhiessen ein grossartiges Bergabenteuer…

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Das Finsteraarhorn. *** Am 5. Tag der Tour endlich anständiges Wetter. Foto von Rock&Powder.

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m April 2006 ist es soweit: Unser Team besteht nebst dem Bergführer Walter Hungerbühler (Wält) und aus den zwei Stammgästen Jan und Pedro. Unterstützt werden wir durch Melanie, ihrerseits Kletterass und Freundin vom Wält. In der Kletter- und Bergsteigerszene hat Wält Legendenstatus inne. Seine Brötchen verdient er seit Jahr und Tag mit dem Führen von Gästen. Nebenbei ist aus ihm in den Jahren auch ein ganz passabler Gleitschirmflieger geworden.

Gemeinsam fahren wir mit der Bahn aufs Jungfraujoch. Dort oben ist das Wetter alles andere als prächtig. Uns bleibt nichts anderes übrig, als angeseilt über den Jungfraufirn abzufahren. So erreichen wir, über die weite Ebene des Konkordiaplatz und über unendlich viele Treppenstufen, die gleichnamige Hütte. (Ich meine mich an 300 Stufen zu erinnern.) Die Klimaerwärmung und die damit verbundene Gletscherschmelze, hat auch hier dem ewigen Eis zugesetzt und so den Zustieg verlängert. Am Konkordiaplatz ist der Gletscher jedoch immer noch rund 900m dick. Erst im Laufe des nächsten Tages bessert das Wetter. Wält bläst sofort zum Aufbruch. Wir steigen die 300 Treppenstufen hinunter, überqueren den Konkordiaplatz bei Sicht (es ist blau-weiss) und fellen den Kranzberg hoch. Quasi die Eingehtour. Es stellt sich heraus, dass ich immer noch keine Fitnessqueen und somit das schwächste Gruppenmitglied bin. Das bedeutet, dass ich werde "beissen" müssen. Rechtzeitig zum Nachtessen sind wir zurück auf der Hütte.

Am nächsten Tag werden wir erneut von garstigem Wetter begrüsst. Wir unternehmen eine Tour aufs Grünegghorn, brechen jedoch vor dem Gipfel ab. Zurück auf der Hütte feiern wir meinen 30. "artgerecht" mit einer imensen Torte aus Schokoladenbisquit und Schlagrahm! Ein Traum! Am kommenden Tag wechseln wir, bei erneut üblem Wetter, zur Finsteraarhornhütte. Auf dem Weg dorthin passieren wir die Grünhornlücke. Der Wind bläst mich beinahe von den Skis und irgendwie finde ich es nicht mehr so schön. Zudem schmerzt meine Leiste und Wält verabreicht mir Voltaren.

Doch siehe da: das Durchhalten lohnt sich. Am letzten Morgen der Tour begleiten uns Millionen Sterne am Firnament als wir auf unseren Skis höher steigen. Die Luft wird merklich dünner. Coni dabei immer laaaaaangsamer und Wälts "Motivationsansagen" immer temperamentvoller: "Also langsamer kann man jetzt wirklich nicht mehr gehen!" Beim Hugisattel lassen wir unsere Ski stehen. Ich werde Melanie zugeteilt und sie führt mich am sicheren Seil zum Gipfel.

Skidepot - der Gipfel ist nah.

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ir beeilen uns, denn wir möchten das Jungfrau-Gebiet am selben Tag noch verlassen. Eigentlich ist das konditionell über meinem Limit – doch frau wächst mit der Herausforderung, es geht ja alles bergab und Skifahren kann ich.

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tion id="attachment_1016" align="alignnone" width="3456"]IMG_5897 Alle Routen aus dem Jungfrau-Gebiet hinaus sind lange. Deshalb gönnen wir uns vor dem „Nachhauseweg“ noch eine Stärkung in der Hütte. Sodann nehmen wir den tief verschneiten Fiescher Gletscher unter die Ski. Foto von Rock&Powder.[/caption]<<<<
tion id="attachment_1017" align="alignnone" width="3456"]IMG_5902 Foto von Rock&Powder.[/caption]<<<<
tion id="attachment_1018" align="alignnone" width="3456"]IMG_5906 Noch eine Stunde Weg. Doch bereits hier sieht es  danach aus als seien alle glücklich und zufrieden. Foto von Rock&Powder.[/caption]<

Persönlich vertrete ich die Ansicht, dass der „Wert“ einer Bergtour keinesfalls von der Höhe des Gipfels abhängt. Vielmehr von Bedeutung ist das Gesamterlebnis: Abwechslungsreiches Gelände (Wanderweg, Fels, Schnee und Eis), die Landschaft Blumen und Tiere inklusive, die Aussicht, die Menschen die mich begleiten und unserem Können entsprechende Anforderungen und ein stets sicheres Gefühl zu haben. Sogar das Erreichen des Gipfels ist nur ein kleiner Teil des Ganzen und ist für eine genussvolle Tour, ein schönes Gesamterlebnis, nicht zwingend notwendig. Diese Einsicht habe ich erst im Lauf der Zeit gewonnen.

** Die Mischabelgruppe besteht aus Täschhorn, Dom und Lenzspitze (bzw. Südlenz). Der Name stammt von „Mischtgabla“ der dreizackigen Mistgabel. Mit etwas Phantasie ist diese durchaus zu erkennen:Mischabelgruppe<<<<
as Finsteraarhorn ist mit 4280 m. ü. M. der höchste Berner.

Alle Fotos vom der Finstaraarhorntour sind von Walter Hungergühler (Wält) von Rock & Powder.<<<<
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Die Bergtour auf die Dent Blanche 4’357 m.ü.M.

8 Aug

Als ich frühmorgens im Halbschlaf zum Bahnhof laufe, um meinen Lieblingszug* um 05:37 zu erwischen, wird mir klar wie nervös ich eigentlich bin. Gestern habe ich das Haus nur kurz verlassen: Lauftraining am Morgen und ein vergeblicher Gang zum Bäcker, der im Urlaub weilt. Danach bin ich den ganzen Tag in meiner brütend heissen Dachwohnung herumgewirbelt: Wäsche waschen, Steigeisen anpassen, Resten aufessen oder einfrieren, Rucksack ein und wieder aus packen und erneut einpacken. Ein Nickerchen am Nachmittag und das Brot halt selber backen. Das Brot von der Tanke schmeckt nicht mir.

„Für eine edle Bergtour müssen edle Sandwiches her“- Conisophie der Woche. Mein Favorit zur Zeit ist Avocado mit  getrockneten Tomaten.

Jedenfalls haben Rucksack und Klamotten gestern Abend für die Unternehmung „Dent Blanche“ bereit gelegen. Fertig gepackt (und viel zu schwer) für einen zeitoptimierten Ablauf in schlaftrunkenen Zustand. Frühmorgens entledige ich mich dann noch einiger Gadgets wie z.B. der Powerbank und optimiere damit das Gewicht. Der unzuverlässige Akku des iPhones nervt. Doch es müsste dann eben ohne gehen. Digital Detox.

Im Zug ins Wallis wartet schon meine Freundin und Bergführerin Andrea (Alpinmaus) auf mich. Wir sind bereits zum vierten Mal für die Dent Blanche verabredet. Nach einer entspannten Kaffeefahrt quer durch die Schweiz, erreichen wir über eine sagenhaft enge Strasse, die entlegene Ortschaft Ferpècle.

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Der „Berg der Begierde“, die Dent Blanche, steht zu hinterst im Val d’Hérens. Er ist einer der abgelegendsten 4000er der Schweiz. Nur noch das Lauteraarhorn hat einen längeren Zustieg.

Respekteinflössend steht die Dent Blanche zu hinterst im Val d’Hérens. Original hätte die Dent Blanche deshalb Dent d’Hérens geheissen. Die Dent d’Hérens gibt es tatsächlich. Doch die steht weiter südlich, näher beim Matterhorn. Die Namen der beiden 4000er wurden bei der Abschrift früher Landkarten vertauscht. So lautet jedenfalls die Legende.

Es gibt wenige 4000er in der Schweiz, die so entlegen sind. Dafür steht die Dent Blanche isoliert, wunderschön und imposant, inmitten einer atemberaubenden Gletscherwelt.

Der Zustieg zur Hütte auf rund 3500 m ist einer der längsten der Alpen. Der Weg steigt ab Ferpècle erst sanft durch einen lichten, grünen Lärchenwald. Die Geräuschkulisse bilden Wassermassen, die von den höher gelegenen Gletschern herab stürzen. Bald schon wird der Weg steiler, bis er sich nach gut zwei Stunden in Steinbrocken und Geröll verläuft. Lediglich die Blau-Weisse Markierung weist nun die Richtung. Das Weiterkommen wird abenteuerlich, denn es gilt über Gesteinsbrocken zu balancieren und wild sprudelnde Wasserläufe zu überqueren. Als ob die Landschaft mit dem blauen Himmel, den Glescherabbrüchen und den hohen Bergen nicht schon Augenweide genug wäre, nun erfreut zu alledem noch ein milchig-grünlicher Gletschersee das Auge des Betrachters. Auch ein mystisches Gletschertor kann man von weitem bestaunen. Die rostroten Felsbrocken welche die Szenerie bedecken sind das iTüpfelchen. Bei entsprechendem Licht würde diese Landschaft wahrlich ein bezauberndes Fotomotiv abgeben.

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Besser als jeder Infinitypool: Direkt mit Eiswasser gespiesen und die Kulisse ist ganz grosses Kino. Wäre dieser Gletscherpool nicht genau das Richtige bei 35 Grad?

Wir wandern über grosse sanft gerundete Gneisplatten; – blank poliert von längst weggeschmolzenen Eismassen vergangener Zeitalter. Nachdem wir über steile Kehren unserer Wegspur einen Grat erreicht haben, kraxeln wir über Felsblöcke immer höher. Zu guter Letzt folgt ein kurzes Stück über einen Gletscher und wir erreichen die Cabane de la Dent Blanche.

Die Hütte ist „old school“. Lediglich die Latrine befindet sich mitlerweile im Haus. Dies hat zur Folge, dass feine Nasen den üblen Gestank selbst im Massenlager noch wahr nehmen. Dafür gibt es fliessend Wasser. Für eine Nacht wird es diese Unterkunft mit ihrem herben Charme tun. Es gibt eine Matratze zum schlafen und Verpflegung.

Nach der Ankunft lege ich mich gleich hin. Es wird eine kurze Nacht. Schlaf auf dieser Höhe, mit fast 20 anderen im selben Raum, ist schwer zu finden. Zudem habe ich meine Ohrstöpsel vergessen – ein Kapitalfehler. Trotzdem nicke ich bereits nach kurzer Zeit ein. Wenige Minuten später weckt mich jedoch ein Helikopter, der direkt vor der Hütte landet.

Bersteiger verunglückt an der Dent Blanche

Die Bergung wird vor der Cabane de la Dent Blanche vorbereitet

Ein Bergsteiger ist im Abstieg verunglückt. Er hat sich aus unerklärlichen Gründen am Ende einer Abseillänge vom Seil gelöst und wollte ungesichert (in relativ einfachem Gelände) weiter absteigen. Dabei ist er vor den Augen seiner Kameraden ausgerutscht und in die Tiefe gestürzt. Seine Kameraden werden zu uns auf die Hütte geflogen. Sie stehen unter Schock, können das Geschehene nicht fassen, sind hilflos.

Kurz vor 4 Uhr schälen wir uns aus den Schlafsäcken und falten unsere Bettdecken zusammen. Das trockene Brot wird mit reichlich Butter und Konfi geniessbar und mit Hilfe von Tee, als „Brennstoff“ für die kommenden Stunden zugeführt (ja – ich freue mich dann wieder auf einen schönen Brunch zu Hause). Um 4:30 steigen wir im Schein der Stirnlampe höher. Ich bin dankbar, dass ich meiner Bergführerin folgen kann und noch nicht denken muss. Das Tempo erscheint mir sportlich und ich beginne gleich zu schwitzen. Meine Beine sind tiptop und so reklamiere ich nicht, sondern strenge mich ein bisschen an.

Bei Tagesanbruch haben wir bereits den Grat erreicht. Ein farbenprächtiger Sonnenaufgang bleibt uns heute verwehrt. Dies tut der Schönheit und Erhabenheit der Landschaft ringsum keinen Abbruch. Linsenwolken hängen über den östlichen Gipfeln und eine Wolkenschicht bedeckt den Himmel. Von Südwesten her reisst die Wolkendecke auf.

Südgrat der Dent Blanche und die Dent d'Hérens.

Erste Sonnenstrahlen am Südegrat und im Hintergrund die Dent d’Hérens.

Am Horizont gleisst das Mont Blanc Massiv hell im Licht der Morgensonne. Es ist schön hier zu sein.

Blick nach Westen: Mont Blanc im Morgenlicht

Ganz im Hintergrund winkt der Mont Blanc in der Morgensonne.

Es ist etwas windiger und kälter als ich es mir beim Packen des Rucksacks (bei 35 Grad in Zürich) vorgestellt hatte. Ich bereue meine dicken Fäustlinge nicht mitgenommen zu haben. Spätestens als wir durch ein gefrorenes Firncouloir hinaufpickeln, sind meine leichten Handschuhe durchnässt und ich friere erbärmlich. Ich habe noch ein Paar Gartenhandschuhe als Ersatz dabei (die Handschuhe gehen ohnehin immer kaputt am Fels), diese sind jedoch nicht gefüttert. Schliesslich erbarmt sich Andrea meiner und leiht mir ihre gefütterten (aha – Bergführer haben gefütterte Gartenhandschuhe – unglaublich) Gartenhandschuhe.

Rechtzeitig zur schwierigsten Kletterstelle bekomme ich ordentlichen „Kuhnagel“ und meine Hände erlangen ihre volle Funktionstüchtigkeit wieder. Der Fels ist granittmässig fest und wunderbar zu klettern. Über und rund um verschiedene Türmchen auf dem Grat steigen wir immer höher. Zwischendurch klettern wir in der Sonne auf der Ostseite. Danach geht es wieder in eine Querung auf der schattigen Westseite, wo die dunklen, grünlichen Felsen mit dünnem Eis überzogen sind. Ein gefrierschrankähnliches Couloir führt zurück hinauf auf den Grat. Schliessilch montieren ein letztes Mal die Steigeisen. Wir passieren nicht nur Flecken mit Schnee und Eis, sondern auch eine Stelle mit bemerkenswert weissem Fels.** Nach dem atemberaubenden Schlussanstieg im Firn – ich bin tatsächlich nur noch zum Gehen in Zeitlupentempo fähig – erreichen wir den Gipfel auf 4’357 m. ü. M.

Coni auf dem Gipfel der Dent Blanche

Gehen geht nur noch im Zeitlupentempo – aber Posen fürs Gipfelfoto geht immer. 😉

Schnell sind die Gipfelfotos geschossen und wir machen uns an den Abstieg. Die Temperatur verleitet einem nicht zu einer längeren Rast. Mir scheint Andrea drückt etwas aufs Tempo. Dies ist allenfalls der möglichen aufkommenden Gewitter geschuldet. Nachem sie mich zwei Mal abgeseilt hat, bin ich dermassen erfreut und motiviert, dass auch ich einen Zahn zulege. Wir schliessen rasch zu den Seilschaften auf, die uns voraus sind. Bald schon sind wir zurück auf der Hütte. Die Wolken haben sich nun ganz verzogen und wir geniessen „eitel Sonnenschein“ auf dem Weg zurück ins Tal.

Andrea und Coni mit der Dent Blanche

So macht Wellenessurlaub unter Freundinnen Spass 😉

* „Lieblingszug“ mit leicht ironischem Unterton. Ich schätze einen frühen Tagesanfang, doch irgendwie steht eine Vier vorne an der Uhrzeit des Weckers für zu wenig Schlaf. Bei zu wenig Schlaf, neige ich dazu schnell knatschig zu werden.

** Mit so einem hätt‘ ich gern mein Bad geplättelt!

NZZ Artikel zum Val d’Herens und der Dent Blanche