Spring

Ein frischer Morgen verheisst einen unglaublich schönen Frühlingstag. Die Luft ist bereits im Zug voller geballter Vorfreude; versprüht von all den Ausflüglern, die am heutigen Freitag ins Tessin fahren.

Es ist nicht der allerfrüheste Zug. Dort ist die Aura noch schläfriger, weniger freudig angespannt. Es ist auch der Zug den die grossen Rucksäcke (Gleitschirmsler) nehmen. Ist ja klar: heute ist ein guter Flugtag. Dank Thermik auch für die Gleitschirme. Der Eindruck bestätigt sich bei Ankunft in der Dropzone: Dort sind nicht nur Schmetterlinge und Vögel unterwegs, sondern auch diverse Helis, Segelflieger werden geschleppt, Kleinflugzeuge heben ab, die Fliegerstaffel der Armee, ‚meine‘ Pilatus landet gerade und die ersten bunten Matratzen öffnen sich am Himmel. Dieser Betrieb ist grossartig! Dekoriert mit Palmen und eingeramt mit schneebedeckten Berggipfeln. Ich liebe es!

Nicht zuletzt diese Abenteuer verheissende Augenweide, hat mich beim letzten Besuch dazu bewogen, öfters her zukommen. Begegnungen mit Menschen, mit denen ich sonst nie in Kontakt kommen würde sowie die Tatsache etwas Neues zu erlernen, das alle meine Geschicklichkeit und meine Präsenz fordert, sind weitere Gründe die das Ziel ‚Fallschirmbrevet im Paracentro‘ für mich süss und erstrebenswert machen. Und ich brauche ein Ziel, eine Mission und wie!

Dropzone mit Schneebergeb und Palen

Erst einmal werde ich vom Instruktor begrüsst und ich bekomme einen kleineren Fallschirm als letztes Mal. Er ermahnt mich, anständig damit zu fliegen. Diesmal halte ich mich dran und mache keine Turnübungen zu Nahe über Grund. Mit meiner jahrelangen Fliegerei am Gleitschirm fühle ich mich bisweilen fast zu wohl, sobald der Schirm offen ist und fliegt.

Dieser kleinere Schirm lässt sich einfacher packen und ich schaffe es beinahe schon selbständig. Sodann geht es in die Luft. Es riecht nach Treibstoff. Ungefähr zehn Menschen ganz unterschiedlichen Alters quetschen sich in den Flieger: Senioren in Wingsuits, Stadt- und Landmenschen, Instruktoren, Baby-Adler von der Sphair in ihren dunkelblauen Overalls und ich. Alle mit dem selben Vorhaben. Ein humoristisches Piktogramm ermahnt alle Anwesenden unmissverständlich, die Körperöffnungen untenrum dicht zu machen. Ich fühle mich (zu) wenig aufgeregt, so geniesse ich das Abheben der Maschine in Ölsardinen-Position. Ich besinne mich, dass ich auf der Hut sein muss, weil es mich beim letzten Mal um ein Haar zu früh aus dem Flieger geblasen hätte. Hat nicht gut ausgesehen.

Kurz vor 1000m beginnt das erste Abklatsch-Ausstiegs-Ritual an dem alle beteiligt werden. Das ist weltweite Tradition. Gleich steigen zwei Jungs von der Sphair aus. Besonders einer von ihnen macht das so smooth, dass man das Lufkissen auf dem er vom Pilatus weggleitet fast sehen kann. Grosse Klasse! Ich wünschte mir, ich könnte das ebenfalls schon so gut.

Auf 2800m bin ich die einzige, die raus geht. Der Instrutor lächelt mir aufmunternd zu. Trotzdem versaue ich den Ausstieg. Der Wind blässt mich beinahe vom Trittbrett und ich strample und drehe mich. Auf dem Video, das er gemacht hat, schaut es übel aus. Es fühlt sich für mich gar nicht so schlimm an. Ich stabilisiere innert kurzer Zeit meine Fallposition, checke die Höhe und los mit den kontrollierten 360 Grad Drehungen, links und rechts herum je zwei Mal. Sie gelingen nicht wie sie sollten, werden zu wild, zu unkontrolliert, nicht auf der Achse, eine zu wenig. Ich ziehe zu früh. Der Schirm fliegt etwas lebhafter als der letzte und ich nehme die deutlich kleinere Fläche jetzt unzweifelhaft zur Kenntnis. Wenigstens waren die Öffnung und die Landung ordentlich. Ich bin nicht zufrieden und der Instruktor erst recht nicht.

Das Packen geht besser, doch ehe ich mich freuen kann, begehe ich einen Fehler. Ich lege die Schlinge an der der Splint für den Auslöseschirm befestigt ist, falsch herum aus dem Aussencontainer. Läuft es unglücklich, kann sich der Innencontainer mit dem Schirm darin dann nicht öffnen. Ich bemerke es just in dem Moment, als mich der Intsrukor schilt. Ich ärgere mich, schon wieder etwas falsch gemacht zu haben und bemühe meine positive Grundeinstellung.

Ich bekomme mein Debriefing. Auf dem Video strample ich in der Luft herum. Es schaut fürchterlich aus. Der Instruktor erbarmt sich meiner und zeigt mir den guten Trick, bei dem ich nicht gleich voll im Fahrtwind stehe. Ich übe einige Male auf der Matte und dann im Flieger der auf dem Boden steht. Ich versuche mir einen Automatismus zu programmieren, weil so schnell denken kann ich da oben an der offenen Flugzeugtüre nicht und schon gar nicht gleichzeitig meine Körperhaltung kontrollieren. Diesmal bin ich gut nervös und ich spüre auch die Freuden-Millisekunde in der Brust, als der Ausstieg mühelos und einwandfrei klappt. Die Drehungen passen ebenfalls. Doch T. lässt mich wiederholen, da ich zu langsam war. Das ist mir einigermassen egal, bis auf die Tatsache, dass ich nur aus 2800m abspringen darf und so nur 30 Sekunden im freien Fall bin.

Mir macht es Spass hier. Bisweilen muss ich auch über Szenen die sich abspielen, staunen oder kichern. Sogar die Packerei geniesse ich wie eine hochkonzentrierte Meditation. So langsam rutschen mir die Leinen und Tuchfalten auch nicht immer wieder aus den Händen. Es geht ja. Und geöffnet hat er sich heute ohne Twist.

Ich freue mich für die sechs Sphair-Jungs die heute ihre Prüfung bestanden haben. Ein Meilensteinauf dem Weg zum Fallschirmaufklärer! Einer kommt grad grinsend vom Landekreis, mit nur einem Schuh. Irgendwann in der letzten Stunde ist die Stimmung in den Chillmodus umgeschlagen. Keiner will mehr springen. Schluss für heute…

In Bellinzona am Bahnhofsplatz treffe ich Marco mit seinem Hinkelstein (Gleitschirm). Ich kenne ihn aus meinen aktiven Zeiten. Wunderbar. Schon am Morgen war er auf dem selben Zug. Er ist heute nach Domodossola und zurück geflogen und hat seinen neuen Schirm gebührend eingeweiht! Wir erzählen uns angeregt von unseren Erlebnissen in der Luft. Gemeinsam mit Schirmslerin Nicole, wird die Heimfahrt gemütlich und kurzweilig. Heute ist einfach ein guter Tag!

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2 Kommentare zu „Spring

  1. Respekt! Bestimmt nicht leicht, sich so viele Dinge auf einmal zu merken. Ich würde da wohl auch nie im Leben raushüpfen!

    Liebe Grüße aus Limburg,
    Jörg

    Gefällt 1 Person

    1. Da hilft nur einüben und dann laufenlassen: 1 Fuss raus, 2 mit gestreckem Arm am Flieger festhalten, 3 raus an die Strebe, 4 Flügel über die in Position anschauen, 5 loslassen Hände unten , …. und dann Sky Dive…. dem Flieger nachschauen … und plötzlich klappt es!
      Schönen Tag und lg zurück

      Gefällt 1 Person

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